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Schwarze Wissensproduktion als angeeignete Profilierungsressource und der systematische Ausschluss von Erfahrungswissen aus Kunst- und Kulturstudien

Vorgetragen auf der Tagung »Postkoloniale Analysemethoden in der Kunst« am 5./6. Dezember 2014 in Dresden.
Nachdruck in: Kunst und Politik Jahrbuch der Guernica-Gesellschaft – Band 017, Anna Greve (Hg.) Weißsein und Kunst, Neue postkoloniale Analysen, V&R unipress, Göttingen, 2015 ISBN 978-3-8471-0526-8

»The black relation to the world is obscenely misread as the black/white binary«
(Das Schwarze Verhältnis zur Welt wird schamlos fehlgedeutet als schwarz/weiss-Gegensatz)

Jaye Austin Williams

Im deutschen Wissenschaftsbetrieb existiert die interessante Tradition, mit Mitteln der Philosophie und Analyse zunächst sich selbst und anschließend sich gegenseitig zu überwältigen. Weiteren Maßnahmen wird hingegen ein vergleichsweise vernachlässigbarer Platz im Wissenschaftsverständnis eingeräumt. Selbst in den progressiven Geisteswissenschaften ist es unüblich, den Übertrag vorzunehmen zum »was folgt aus meiner überwältigenden Analyse«, »welche Schlussfolgerungen ergeben sich« und – man möchte meinen, die folgende Wortkombination verstöße gar gegen die guten Sitten – »welche Konsequenzen für meine Praxis drängen sich aus dem Ergebnis auf?«

Nicht alle Personen sind in der luxuriösen Situation, Gesellschaftsforschung betreiben zu können, ohne zu jeder Zeit gezwungen zu sein, die Konsequenzen zu er-leben.
Kunst-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaffende außerhalb dominanzkultureller Positioniertheiten können in ihren Fächern in der Regel nicht freiwillig und unabgeschlossen lernen, lehren und denken, sondern werden die Evaluierung zu jeder Zeit mit und an den eigenen Körpern zu spüren bekommen.

Zum Verständnis von Kunst- und Kulturstudien ist Intersektionalität notwendig, da intersektionelles Verständnis ein kompletteres Bild des Gefüges ermöglicht, mit dem Kunst und Kultur in Wechselwirkung treten und von dem sie untrennbar sind. Anstatt die mehrfachen und sich verschränkenden Zugänge als Komplettierung und Heilung eines bis dato vorherrschenden eklatanten Blickwinkelmangels zu verstehen, besteht nach wie vor die Grundannahme, intersektionelle Betrachtungen seien eine künstlich geschaffene zusätzliche Betrachtungsoption während die traditionelle – eingeschränkte – Betrachtung und Inbetrachtziehung komplett sei. Dass eine Wissens- oder Verständnilslücke ein Auslöser dafür sein muss, sich weiterzubilden, gilt in Forschung und Hochschule abhängig davon, um wessen Wissen und wessen Verständnis es sich handelt. Orientierungsgrundlage hierfür ist, inwiefern im betreffenden Wissensarchiv die Signalsprache der Dominanzkultur bedient und ihr der Zugang vereinfacht wird. Durch die Minorisierung des Wissens der Minorisierten haben superkulturell Wissenschaffende darum zu kämpfen, dass die Wissensproduktionen und -auswertungen, die über eindimensionale Zugänge herausgehen, als solche überhaupt unsanktioniert gezeigt und gesagt werden können.

Schwarze Menschen unternahmen schon immer Schwarze Wissensproduktionen, Schwarze Kunst- und Kulturproduktionen und Studien, um kulturell zu überleben, zum Zwecke der diasporischen Verbindung sowie um Zugänge offenzuhalten: zu Eigeninteressen, eigenen Kulturen, eigenen Philosophien, eigenen Kunstrichtungen und eigenen Analysen, ebenjene Zugänge, die durch oben beschriebene Wissensselektion und -hierarchie immer wieder unterbrochen, obstruiert, verstopft wurden und werden. Unternehmen wir Schwarze Studien an der Hochschule, ist primäres Ziel, an den Orten, die die Zukunft formen, überhaupt sichtbar und handlungsfähig stattzufinden.

Schwarzes Wissen war immer Teil der deutschen Hochschule. Dies trifft zu auf diejenigen Studien im herkömmlichen Sinne, die zum Ziel haben, ein größeres Verständnis für die Welt zu erlangen (mit der unausgesprochenen Voraussetzung, dass das Gelernte das eigene Weltbild nicht zu sehr irritieren möge) sowie auf die kapitalistisch ausgerichtete Lerninstitution, die wir derzeit zunehmend vorfinden und in der das wesentliche Studienziel das Funktionieren in der Marktwirtschaft ist. Geht es in ersterem Modell darum, zu deuten, muss im zweiten sogleich verwertet werden, wird aus Wissen (hier: aus dem Wissen der Anderen) eine unmittelbar monetarisierbare Ressource. In beiden universitären Ausrichtungen wird dieses Wissen moderiert von weißen ›Entdeckern‹: Nicht die Dichterin aus der Schwarzen Frauenbewegung ist die Quelle, sondern die weiße Publizistin, die über sie schreibt, die ›Wichtigkeit‹ der ersteren nicht bestätigend sondern konstituierend, während die Attribute analytisch, gelehrt, wissend etc. auf Texte aus zweiter Hand Anwendung finden anstatt auf das Original. Schwarzes Wissen ist Gegenstand der Betrachtung, nicht die Betrachtung selbst, Texte weißer Autor_innen über westafrikanische Kunst treten an die Stelle von Monographien westafrikanischer Autor_innen, usw. Dies meint und vermittelt: Schwarzes Wissen ist nicht Wissen per se, Schwarze Analyse nicht Analyse, Schwarzes Verständnis nicht komplett. Erst durch die Kontextualisierung, Einordnung, Beglaubigung, erst also durch die Wiederholung und selektive Aufbereitung (lies: Veredelung) der weißen ›Forschenden‹ wird das Andere Wissen zum nicht-Vernachlässigbaren. Zugleich wird es damit auf einen Platz als Stichwort- und Inspirationslieferungsquelle verwiesen. Das letzte Wort blieb und bleibt weiß.

Post- und dekoloniale Studien verlangen insofern genaue und gesonderte Betrachtung, als dass sie unter anderem Lehre über autonomiebringende Schwarze Widerstandspraxen behandeln.i Sofern weiße Lehrende innerhalb postkolonialer Studien überhaupt sich verorten (müssen), erfolgt dies regelmäßig inform des klassischen Helfer_innenmythos von fortschrittlichen Heilsbringenden, die wichtige Inhalte vermitteln und ›Unterdrückten‹ (Menschen, Themen, Theorien) ›endlich eine Stimme verschaffen‹. Zu wenig findet Betrachtung, dass dabei Schwarze Stimmen überlagert, fremdkontextualisiert und überdeckt werden. Dem deutschen Mehrheitsbewusstsein ist noch nicht gegenwärtig, dass die Interpretationen, Analysen und Fragestellungen derer, die von den kolonialen Strukturen profitieren, kaum deckungsgleich sein können mit den Interpretationen, Analysen und Fragestellungen derer, die durch ebenjene Strukturen eingeschränkt werden. Originäre Schwarze Wissensvermittlung wiederum findet sich an der Universität überwiegend im akademischen Prekariat wieder. Die Präsentation unserer Forschungsergebnisse hat sich dermaßen vollständig und exklusiv an Interessenslagen der Dominanzkultur zu orientieren, dass die Navigation der Empfindlichkeiten aus oppressiver Perspektive oft mehr Zeit und Aufwand in Anspruch nimmt als die Vermittlung der eigentlichen Arbeit. So »fühlen« weiße Studierende sich bisweilen »markiert« oder gar »diskriminiert« wenn Weißsein in unschmeichelhaften (geschichtlichen, gesellschaftlichen) Zusammenhängen erwähnt wird und intervenieren ob solcherlei Majestätsbeleidigung an oberer Stelleii oder holen die Polizei, wenn Studierende of Color durch eine Applaus-Intervention Unterricht ohne unkontextualisiert rassistische Begrifflichkeiten einforderniii. Eine strukturelle und institutionelle Öffnung für Schwarze Wissenschaffende im regulären Lehrkörper will indes weiterhin aufwändig erkämpft werden. So wird an deutschen Universitäten fachliche Autorität zur Randnotiz in der hierarchisch übergeordneten Geschichtsschreibung, Lehre, Profilierung, Progressivitätsbehauptung.

Dient dieses Gehabe in der ›wissenwollenden‹ Universität der Versicherung der Höherwertigkeit weißer Positionen, so soll es in der kapitalistischen Universität die Verfügungsgewalt über die Ressource Schwarzes Wissen sichern. Das zwanghafte Nutzbarmachen Schwarzer Lehre für weiße Interessen, eine (versuchte) rasche kulturelle Übersetzung und Vereinfachung für dominanzkulturell-mehrheitsdeutsche Rezipierende, hat den Nebeneffekt, als Marker für eine Notwendigkeit solcher Maßnahmen zu dienen: ›wenn es so üblich ist, wird es einen Grund dafür geben und schon seine Richtigkeit haben‹. Die weiße Wissenschaft verbleibt somit in der Tradition der Kartografierung und ihrer fatalen Folgen: ›Vor uns ist nichts. Wenn wir es entdecken, wird es zu etwas. Erst wenn wir etwas darüber gesagt haben, ist es existent. Terra für uns incognita ist vernachlässigbar, außer wir ziehen rohstofflichen Vorteil daraus.‹

Schwarze Wissensproduktion entsteht in einem von außen limitierten Raum, der von innen bereits kunstvoll vorbereitet wurde. Es gibt trotz der Hürden, die das System Hochschule für herrschaftskritische Blickwinkel, Positionen und Studien bereithält, genügend Schwarze Akademiker_innen in Deutschland, die für die Lehre qualifiziert sind.

Selbstverständlich sind alle autonomen Studien Schwarzer Menschen über Schwarze Kulturen per Definitionem Black Studies. In den USA sind Departments für Black Studies einst ins Leben gerufen worden, weil studentische und community-Gruppen politischen Druck auf die Universitäten ausübten, um die Wissensproduktion über und vor allen Dingen von (!) Schwarzen Menschen anzuerkennen, finanziell zu unterstützen so- wie strukturell und personell zu etablieren. Schwarzen Studien und Schwarzen Menschen war es lange Zeit verwehrt, Teil des Universitätssystems in den USA zu sein. Die Etablierung und Institutionalisierung von Black Studies war daher auf drei Ebenen bedeutsam: im Sinne der Begründung einer präzisen, eigenständigen akademischen Disziplin, im Sinne ihrer Anerkennung als politisches Projekt, dem eine Schlüsselrolle in der Dekonstruktion, Dekolonialisierung und Demontage unterdrückerischer akademischer Strukturen und Praxen zukommt und im Sinne einer konkreten Einstellungspraxis, die es Schwarzen (und anderen, aufgrund von Rassismus marginalisierten) Forscher_innen ermöglicht hat, sich im akademischen Bereich zu professionalisieren und sichtbar zu werden.iv

In jahrzehntelanger Arbeit mussten Schwarze Wissenschaffende den Eingang ihrer geisteswissenschaftlichen Forschungen und Analysen in die postkolonialen Wissensarchive erstreiten. Sobald dies gelang, wurde in Deutschland aus dem Wissen der Anderen anstatt eines Projekts zur Überwindung kolonialer Strukturen ein zusätzliches Profilierungsfeld primär für die Dominanzkultur. Das Wissen, um dessen Anerkennung einst gekämpft werden musste, wird nun als wervoll erachtet und in Auszügen angenommen, um jedoch sogleich appropriiert zu werden, losgelöst von seinen eigenen Bezügen. Schwarzes Wissen wird in den weißen Raum übertragen, während der Raum selbst sich möglichst nicht verändern soll.

Weißen selbsternannten Expert_innen für Schwarze Themen ist es heute problemlos möglich, das vor-erschlossene diasporische und Widerstands-Wissen zu verwenden und zu verwerten: für ihren eigenen Werdegang, für ihr Selbstbild und für ihre Fortschrittlichkeitsbehauptung, während dies im selben Maße denen, die dieses Wissen erschlossen haben, nicht ermöglicht wird. Nicht zuletzt ist Wissen eine monetarisierbare Ressource, wie auch Inspiration und Authentizität dies sind, wie spätestens seit Picassos ›art nègre‹ bekannt ist.

Schwarze Lehrende von ihren eigenen Studienrichtungen auszuschließen, ist Voraussetzung dafür, dass weiße Lehre über Schwarze Inhalte ungestört stattfinden kann. Nur indem die Abwesenheit Schwarzer Lehrender als naturgegebene unverrückbare Ausgangslage anstatt als aktive Ausschlusspraxis aufgefasst wird, können systematisch benachteiligende Personalentscheidungen als grundsätzlich akzeptabel erscheinen. Damit dies so weitergehen kann, wird gern ein Manöver vollzogen, das so herkömmlich wie funktional ist: Dem Schwarzsein (hier der potenziellen Professor_innen) werden verschiedene hinlänglich bekannte Attribute angehaftet und sich anschließend anstatt auf die differenzierte Realität auf die selbst erschaffenen Platzhalter bezogen. In dieser Wahrnehmungslogik sind Schwarze Professor_innen ausländisch und daher schwer einzustellen oder nur auf englisch oder französisch unterrichtend: ›Schwarz = nicht deutsch, es gibt keine Schwarzen deutschen Akademiker_innen‹.v Universales Wissen, das in Deutschland gelehrt werden soll, wird nach wie vor als weiß verstanden. Im Unterricht erfolgen Verweise auf »unsere Kultur«, »unsere aufgeklärte Gegenwart«, »hierzulande« als »fortschrittlich«, »nicht sexistisch« etc. in generalisierender Abgrenzung zu »in muslimischen Ländern«, »in patriarchalen Kulturkreisen«, »bei Naturvölkern« oder »da machen die noch(!) … (patriarchale Sitte einfügen)«. In dieser Weltsicht muss die Idee, dass Universales Wissen sich nicht weiß präsentieren könnte, folglich beunruhigen.

Das kuriose Ergebnis daraus, Schwarze Lehrende in den Geisteswissenschaften als wenn überhaupt, dann nur für Schwarze Themen geeignet zu betrachten, ist, dass diese in der Regel gar nicht eingestellt werden, und daher noch nicht einmal die Schwarzen Themen unterrichten. Dies übernehmen stattdessen hilfsbereit weiße Kolleg_innen.

Weiter in der Deklinierung der Verhinderung Schwarzer Lehrender in Schwarzen Studien: Es werde eine Besetzungspraxis nach Qualifikation und Position verfolgt, nicht nach race oder gender, so eine gängige Behauptung. Eine Besetzungspraxis, deren Ergebnis das fast vollständige Fehlen bestimmter Bevölkerungsgruppen als Unterrichtende ist, ist natürlich bereits eine vollzogene Entscheidung nach race, gender und noch weiteren Dominanzkriterien. Schwarze Akademiker_innen (und nicht nur die) sehen sich häufig einer gewissen Grundskepsis gegenüber, die übersetzt lautet: ›Es könnte sein, dass diese Person mit der aktuellen Machtverteilung zu unseren Gunsten nicht einverstanden ist, und dies in ihre Lehre einfließt‹. Nun, in postkolonialen Studien mag und darf dies durchaus der Fall sein. Das Einstellen fast ausschließlich weißer Lehrender sichert nicht zuletzt eine Kontrollierbarkeit dieser Kritik-im-System und eine höhere Wahrscheinlichkeit ihrer Beschränkung auf reine Theorie, damit das dominanzkulturelle Branding von »Wissen« zu keiner Zeit in Gefahr gerät. Die de facto vollzogene besetzungspolitische Besitzstandswahrung hat fatale Folgen für die Fortschrittlichkeit und die interkulturellen Beziehungen der in der Realität superdiversen Gesellschaft. Einen Gefallen tut die deutsche Forschung sich dadurch nicht. Die Angst vor Kontrollverlust der traditionell herrschenden Kaste überwiegt vor dem Wunsch, Wissen möglichst umfänglich und informiert zu tradieren.

Schließlich, um nur noch einen der vielen verbleibenden gängigen Abwehrzirkelschlüsse aufzuführen, der dazu herangezogen wird, dass an deutschen Universitäten Schwarze Lehrende kein Schwarzes Wissen lehren können: »Sie bewerben sich ja nicht!« Hier ließe sich antworten: Zum einen wird Headhunting – das aktive Suchen nach neuen Kolleg_innen – seitens deutscher Akademie durchaus aktiv betrieben, diese Praxis könnte ruhig auch auf Schwarze Lehrende ausgeweitet werden.

Zum anderen werden natürlich jahrhundertelange Exklusionssignale und Ausschlusspraktiken, reichend von offen geäußertem Misstrauen, über rassistische Markierungen innerhalb des für passend befundenen Lehrkanons, hin zur Zelebrierung der Abwesenheit zumindest des Bewusstseins für die Anerkennung der Existenz nichtweißer Menschen im Gebäude von Schwarzen Akademiker_innen selbstverständlich bemerkt und verstanden.vi Asymmetrische Zugangsbeschränkungen im deutschen Bildungssystem sind real und verlaufen u.a. entlang von race und class. Es werden bekanntermaßen in Deutschland Kinder mit so genanntem Migrationshintergrund bei der Vergabe von Gymnasialempfehlungen benachteiligt.vii Natürlich wirkt sich dies alles maßgeblich auf die Universität aus, auf ihre Zusammensetzung und auch auf ihre Grundannahmen und Fragestellungen.

Nicht wenige Schwarze deutsche Lehrende und Forschende ziehen es vor, im Ausland zu unterrichten, an Orten, an denen – aus welchen Gründen auch immer – Besetzungsgepflogenheiten anzutreffen sind, die anders als in Deutschland einen Weg hin zu Diversität einleiten sollen. Oft sind es auch die eigenen Minorisierungserfahrungen und (auch Wissens-)Abwertungen in der Studienzeit, die Schwarze Wissenschaffende dazu motivieren, ihre Karriere im Ausland weiterzuverfolgen. Ein Umzug Schwarzer Lehrender ins Ausland als gangbare Möglichkeit einer Berufsausübung unter zumutbaren Voraussetzungen ist für die unwirtliche deutsche Universität insofern eine elegante Lösung des ›Problems‹, als dass das Problem in der Anwesenheit Schwarzer deutscher Akademiker_innen gesehen wird, insbesondere in der daraus resultierenden Deutlichkeit der universitären Ausschlusspraxis, anstatt in der ausschließenden Tradition der deutschen Akademie selbst. Wären sie nicht hier, wäre das Problem gelöst, so eine der Grundlagen und mantra-artigen Wiederholung der Behauptung (richtiger: des Wunsches), Schwarze Akademiker_innen gebe es hierzulande einfach zu wenige, als dass sie eingestellt werden könnten.

An den traditionellen Wissenschaftsorten, die die Platzkarten dafür verteilen, wer und wer nicht für Forschung und ihre Ergebnisse bezahlt wird, ist ein Problem, dem sich die wenigen dort verbleibenden Schwarzen Forschenden gegenübersehen, dass der Entschluss oder die Berufung, zu forschen, zugleich beinhaltet, für lange Zeit innerhalb eines feindseligen und gefährlichen Ortes zu verbleiben. Es wird ihnen dort der Umgang abverlangt mit denjenigen, die ihr Verwobensein in ungleiche Machtverhältnisse und Zugänge wie reines Theoriewissen behandeln, das sie mit dem Stundenplan oder auch freiwillig ab- und anlegen können. Außerhalb der Theorie, in der unmittelbaren Interaktion, werden ebenjene Machtverhältnisse kurzerhand ausgeblendet: Die weiße Professorin unterrichtet Black Studies, erkennt aber nicht die Notwendigkeit eines Schwarzen Kolloquiums, in dem Schwarze Studierende ihre Forschungen untereinander verifizieren und besprechen könnten ohne dass sie dabei Misstrauen, Abwehr und Marginalisierung erfahren. Der weiße norddeutsche Philosoph verbessert die Schwarze süddeutsche Ethnologin wenn diese über Kulturen Baden-Württembergs spricht, und auch wenn diese über Gepflogenheiten in Banjul spricht. Die Fakultät organisiert ein Podium, auf dem sie ihre eigenen Arbeiten als kritische Bestandsaufnahme über Exklusion in der Universität ausgibt, und auf dem mehrheitlich weiße Redebeiträge vorgesehen sind, originell illustriert mit der Unterbetitelung ›dunkler Kontinent‹, mal mit, mal ohne Anführungszeichen.viii Ganze »Black Studies« Fachbereiche finden in Deutschland unter Ausschluss Schwarzer Professor_innen statt – und auch ohne Lehrinhalte über Schwarze deutsche Kultur und Forschung. Ausschließende Einstellungspraxis zeigt sich also als eine Voraussetzung für weiße Profitnahme aus Schwarzen Forschungsergebnissen. Die Notwendigkeit einer Debatte hierüber wird sichtbar, seit explizit Schwarze Studienrichtungen geschaffen (bisweilen auch: ausgelagert) wurden.

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Die Erfahrung der Anderen

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Um zu verstehen, wie dies vonstatten geht, und wie die angeeignete Theorie in der deutschen Universität das Erfahrungswissen überschreibt, ein kurzer Exkurs. Erfahrungswissen ist ein dendritisches Gebilde. Zum Einen ist es das Wissen, das aus der Erfahrung erwächst. Dies kann Lebenserfahrung sein, auch solche, die nicht aus einer Anhäufung gelebter Zeit besteht, sondern aus der Summe der Begegnungen mit Irritationen des Lebens. Eine zwanzigjährige Person mit vielfältigen Erfahrungen (etwa: Flucht, Behinderungen, Gesellschaftsbetrachtungen aus minorisierter Perspektive und daraus erwachsender double consciousness, ›doppeltem Bewusstsein‹ix) kann in dieser Hinsicht durchaus über reichere Lebenserfahrung verfügen als eine vergleichsweise ältere Person, die weniger Irritationen, Begegnungen oder Einflüsse erfahren hat. Dieses Erfahrungswissen besteht unabhängig von einer später vorgenommenen Analyse oder Einordnung, es wird auch ohne jene gesagt und erzählt, und dient als wichtige Ressource für diverse interpretative, literarische, analytische, philosophische, historiografische, gesellschaftspolitische, künstlerische Betrachtungen und Betätigungen (und somit Transformationen).

Zum Anderen ist Erfahrungswissen das Ergebnis der Analysen, denen das Erlebte unterzogen wurde. Dieses Wissen schöpft aus der Vergangenheit, bezieht sich aber auf die Zukunft. Einige der Ergebnisse dieses Wissens sind das Errechnethaben, das zielgenaue Einschätzen, oder das Verständnis, das die Häufigkeiten, Wahrscheinlichkeiten und Zusammenhänge bestimmter Vorkommnisse zu antizipieren vermag. Durch ein Verstehen und Auswerten der Vergangenheit findet das Erlebte eine Anwendung zur besseren Navigation der Zukunft. Hierunter können auch Resilienzen fallen, die sich herausgebildet haben, sowie die Entwicklung von Überlebensstrategien geistiger, gesellschaftlicher und selbstverständlich auch körperlicher Art. Ein großer Fundus an Erfahrungswissen besteht schließlich aber auch aus dem, was uns als »Wissen« zu bezeichnen nur in bestimmten Fällen erlaubt wird: kulturelle Erfahrung. Diese wird in der deutschen Forschungstradition nur dann als »Wissen« wahrgenommen und behandelt sofern sie Forschungsgegenstand ist, nicht jedoch weil in ihr Wissen-als-solches erkannt wird.

Beispielsweise werden in Deutschland Sitten und Gebräuche, Esskultur, Riten und Rituale kultureller Gruppen studiert. Die Angehörigen dieser kulturellen Gruppen sind von ihren eigenen Gebräuchen, Esskultur, Ritualen und Sprachen freilich aber weder durch die Reduktion der Betrachtung auf bloße Annäherung durch Theorie als einziges Mittel getrennt, noch durch eine singuläre Motivation durch den Verständniswunsch. Erschwerend wirkt, dass kulturelles Wissen bestimmter Gruppen abgewertet wird während das angeeignete und bruchstückhafte Wissen über ebendiese Kulturen als Bildung angesehen und den Be-trachtenden als hohe (und gleichsam humanitäre) Leistung angerechnet wird. Es kommt durch diverse Kunstgriffe aus dem Repertoire mehrheitsgesellschaftlicher Abwertung nicht selten vor, dass superkulturellen Personen eine Wertschätzung der eigenen Wissensschätze erschwert wird. Solche Abwertung des vielfältigen Perspektiv- und Kulturwissens drückt sich u.a. aus im Zwang, sich für eine Staatsangehörigkeit zu entscheiden, der Tatsache, dass neben Deutsch auch Wolof zu sprechen, gemeinhin, anders als etwa bei Französisch, nicht als zusätzliches Bildungsmerkmal (an)erkannt wird, oder darin, dass die demografisch zweite deutsche Landessprache Türkisch an vielen Schulen nicht als Unterrichtsfach existiert. Diese Praxen des durchdringenden Ausschlusses können ebenfalls nur bestehen bleiben, so lange Funktionen und Positionen ausschließlich in dominanzkulturellem Interesse besetzt sind.

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»Ça qui compran compran!« (Antillanisches Sprichwort)

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Zurück zur Universität: Bei gleichzeitiger Anwesenheit von Analyse plus Erfahrung und grundsätzlich bereits vorhandenem Verständnis auf der einen – und lediglich der (versuchten) Analyse auf der anderen – Seite müsste sich das Blatt der Autoritätsverteilung innerhalb kultureller Studien im Grunde genommen wenden, sofern wissenschaftliche Folgerichtigkeit angewendet werden soll. Durch die Präsenz von Erfahrungswissen werden Theorien und Theoretisierungen, die ohne Erfahrung auskommen, also bedroht. Dies mag ein Grund dafür sein, weshalb im deutschen Wissenschaftsbetrieb die Erfahrung nach wie vor nicht als Fundament betrachtet wird, als ein Ausgangspunkt, von dem aus Studien und Forschungen vorgenommen werden können und sollen, sondern als störend beim (imaginierten) ›objektiven Betrachten‹. Dass die Abwesenheit einer maßgeblichen Wissensressource zu besseren Ergebnissen führen soll, ist selbstredend Nonsens, genügt aber als konsensuelle Grundthese. Die ›Erforschung‹ der/des Anderen erscheint als höherwertig. Die logische Verdrehung erfolgt dadurch, dass denjenigen, die von Ausschlussprozessen negativ betroffen sind, ein Mangel an Distanz zum Forschungsgegenstand unterstellt wird (wodurch sie unfähig seien, wissenschaftlich zu arbeiten), während diejenigen, denen Ausschlussprozesse strukturell zugute kommen, als von diesen Prozessen gar nicht betroffen gelten. In der ethnologischen Tradition hat sich nicht sehr viel geändert, sie heißt heute nur »Black Studies«.

Insbesondere afroeuropäische und afrodeutsche Lehre finden in den so produzierten hegemonialen Betrachtungsszenarien kaum statt. Das Andere, die Schwarzen Kulturen, befinden sich idealerweise in der Ferne, wo sie die eigene Wichtigkeit, Deutung und nationale Identität nicht infrage stellen. Forschungen werden in den Amerikas vorgenommen, oder in Afrika, anschließend als Studien über ›Schwarzsein‹ (per se) sowie ›Schwarze Kultur‹ ausgegeben. Nur in Abweseneit Schwarzer Lehrender ist eine so stark verkürzte und ungenügend differenzierte Einordnung Schwarzer Studien möglich.

Das Verständnis diasporischer Themen aber setzt sowohl eine Beschäftigung als auch Vorkenntnisse voraus. Beides wird erschwert, wenn in den deutschen akademischen Welten Schwarze Analysen außerhalb der eigens ausgewiesenen Rest-Orte durchweg im Kanon stark unterrepräsentiert sind oder gar – als gäbe es dafür außerterritoriale Gründe – im Semesterapparat oder der Bibliothek fehlen.

Währenddessen ist die Nutzbarmachung Schwarzen Wissens Industrie geworden: Tagungen, Fortbildungen zu Schwarzen Kulturen werden ohne Beteiligung Schwarzer Kurator_innen organisiert, zur Bereicherung wissenschaftlicher Lebensläufe, zum Erreichen des nächsten akademischen Grades, zur mittelbaren oder unmittelbaren Aufwertung der eigenen Lehre der weißen Akademiker_innen. Organisatorische Verfügungsbeteiligung derjenigen, deren Studien dies originär sind, wird in vielen Fällen schlicht nicht in Erwägung gezogen. Betrachtende Subjekte bleiben weiß, Eingangs- und Schlussreden bleiben weiß, Evaluierungen bleiben an weißen Interessen orientiert, ebenso Publikationen zur Reputationssteigerung. An die Stelle von Inklusion Schwarzer Lehrender in die Universität tritt die Kooperation. Diese dient dazu, den Lebenslauf weißer Akademiker_innen als progressiv darzustellen und hierbei den Status als exklusiv Wissenschaffende aufrechtzuerhalten. Als Schwarze Gäste sollen wir Antworten präsentieren auf Fragestellungen, die keine Schwarzen Fragestellungen sind (und daher kein Teil von »Black Studies«), und damit die Anthologie der weißen Herausgeberschaft ›authentisch‹ und gültig erscheinen lassen.x Bisweilen drängt sich der Eindruck auf, dass Schwarze Forschende geballt und gezielt zu einzelnen Projekten eingeladen und angefragt werden, nur um anschließend in der Suchmaschine oder auf der Onlinepräsenz den Namen der weißen Akademiker_innen zu umspülen, als Legitimierung zu dienen und als Unbedenklichkeitsbescheinigung angesichts einer imaginierten Verdächtigung, nicht aufgeklärt, rassismusfrei oder kooperativ genug zu sein. Eine Einladung zu einer Panel-Diskussion sollte hierfür genügen.

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»The work is always devastating, there is nothing casual about this work. I step into the abyss & I ask them to as well« (Jaye Austin Williams)

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Besitzstandswahrung schrumpft nicht etwa, sie wächst an ihren Aufgaben und findet immer neue Formen, die von simpler Aneignung bis hin zu expressiver Mimikry reichen. Neuerdings steht gegen die Kritik an bestehenden diskriminierenden Strukturen und Praxen ein weiteres Abwehrinstrument zur Verfügung: Das der formelhaften Rezitation von Vokabeln und Sätzen, die im kritischen Weißsein gelernt wurden. Ein proaktives Aufsagen bestimmter ›Verständnis‹signalvokabeln wie zum Beispiel »marginalisiert« oder »mein weißes Privileg« soll die Herausnahme der eigenen Person aus der Betrachtung des Gesamtbildes bewirken. Zur weißen Abwehr Schwarzer Systemkritik im postkolonialen Kontext besteht inzwischen ein Fundus an repetitiver Partitur, die an den Stellen aufgeführt wird, an denen ansonsten realer Austausch möglich wäre. Selbst innerhalb des von Schwarzen Aktiven initiierten Diskurses über gesellschaftliche Macht-Asymmetrien wird das Widerstandswissen zuallererst als Herrschaftsinstrument verwendet indem Attribute aktiver Positionierungen in quasi-konstitutive Adjektive verkehrt werden, die den Grad der Reflektion (und damit die Verschiebung von Verantwortung) als sich-selbst-verliehenes Abzeichen plakativ nach außen hin behaupten. So kommt es zu Eigenbezeichnungen als »Ally«1 und zu Inhalts- sowie Seminarbeschreibungen weißer Lehrender mit weißer Lektüre, weißen Fragestellungen und weißen Schlussfolgerungen als »postkolonial«, »dekolonisierend« oder »intersektional«.

Die Äußerung des Wissens, aus kolonialen Gründen bevorzugt zu werden, dient in diesen Gefügen nicht als Einleitung zu konsequentem Handeln sondern ist dazu gedacht, dieses zu ersetzen. So wird von weißen Lehrenden »postkolonialer« Studien durchaus bisweilen eingestanden, dass sie selbst durch strukturelle Bevorzugung für dieses Fach eingestellt wurden, sie erwähnen jedoch geflissentlich nicht dazu, dass sie es vorziehen, nichts gegen diese Einstellungspraxis zu unternehmen. Einzelne Lehrkräfte merken an, monieren sogar, dass das Kollegium nicht divers genug ist, und vergessen dabei das Sprechen darüber, dass sie selbst sich nicht konsequent für eine Veränderung einsetzen. Die strukturelle und institutionelle Bevorzugung wird also gleichzeitig angemerkt, auf Handlunsgebene stillschweigend unterstützt und deren Inhalte zudem noch zur Selbstaufwertung appropriiert. In postkolonialen Studien endet der ansonsten recht präsente Drang zu wissenschaftlicher Genauigkeit abrupt an der Schwelle zur Schlussfolgerung. Denn die Konsequenzen, die sich ergäben, werden als für das universitäre System nicht umsetzbar (lies: als zu anstrengend) erachtet. Eine Studierende äußerte es treffend so: »Über der Universität schwebt eine Wolke von Theorie, die keinen Niederschlag hat«.

Auch wird seitens der theoriezugewandten Academia zu oft geflissentlich übersehen, dass ein schieres Wissen über Ungleichheit – ohne ein Handeln im Sinne der Gleichheit – der Aufrechterhaltung der Ungleichheit dient. Davon, dass mehr Menschen sich in Fragen von Gleichbehandlung, Dominanz und Hierarchie besser auskennen und deren Mechaniken verstehen, profitieren Exkludierte (und damit die gesamte Gesellschaft) nicht, wenn diesem Wissen nicht auch Taten folgen. Denn es existiert durchaus auch ein Interesse am besseren Verständnis von Machtmechaniken und an der Ansammlung von Wissen über Andere eigens zu dem Zwecke, die Hegemonie besser aufrechterhalten zu können. Letzteres geschieht unter anderem durch eine Inbesitznahme Schwarzer Wissensarchive und deren anschließendes gatekeeping. Nicht wenige der Orte, die sich mit Machtstrukturen beschäftigen, reproduzieren die Unterdrückungsstrukturen, die sie als Negativbeispiele im Unterricht behandeln.

Selbstverständlich sollen weiße Lehrende in ihren Unterricht historische und gegenwärtige strukturelle soziale Ungleichheiten miteinbeziehen. Schwarzes Kulturenwissen erschöpft sich aber weder in derartigen (oder in überhaupt irgendwelchen) Bezügen zu weißen Subjekten und Gesellschaften, noch besteht seitens Schwarzer Lehrender ein Defizit, die eigenen Kulturgeschichten zu verstehen. Ob mit oder ohne Schwarze Personen in assistierenden Funktionen – ohne Schwarze Personen als Verantwortliche bleiben Black Studies Die Erforschung der Anderen.

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»Nothing about us without us is for us« (soziopolit(olog)ische Lebensweisheit)

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Verweigerung und Entzug können eine punktuelle [Er]lösung darstellen, sie münden jedoch im Abgeschnittensein vom Ausüben des Rechtes auf freie Berufswahl, an exakt dem Ort also, den das System vorgesehen hat, und sind daher keine befriedigende Antwort. Für zumutbares Arbeiten ist eine Generalverweigerung sicher nicht immer probat.

Es ist kurios, dass, obwohl uns minorisierte Sprechpositionen zugewiesen werden, wir andauernd Angebote, zu sprechen, ablehnen müssen, wenn wir die Integrität unserer Forschung nicht gefährden wollen, sofern diese Forschung ohne ausbeutende Praxis und auf Augenhöhe stattfinden soll. Wer sich nicht an einer stark asymmetrischen Wertschöpfung aus Schwarzem Wissen beteiligen möchte, trifft auf keine besonders reichhaltige Auswahl. Schwarze Wissenschaffende haben zu jeder Zeit alternative Forschungsorte, Forschungsmöglichkeiten, Forschungsgruppen und Methoden geschaffen. Dies muss jedoch freiwillig geschehen und nicht aufgrund von Beschränkungen, die aus rassistischen Einstellungs- und Lehrpraxen erwachsen.

Es muss in einer Gesellschaft, die behauptet, strukturelle Gleichberechtigung zum Ziel zu haben, möglich sein, in der für das Forschen vorgesehenen Institution verbleiben zu können, ohne darin sowohl inhaltlich als auch methodisch der andauernden Nötigung zur Rechtfertigungsperformance ausgesetzt zu sein, hinsichtlich der Autorität über die eigene Kultur und Geschichte sowie über folgerichtige intersektionelle Beurteilungskriterien. Vorausgesetzte Dienstbarkeit und die Abwesenheit oder Unterordnung Schwarzer Eigeninteressen sollen freilich in jedwedenkulturellen Studien, die in Deutschland vorgenommen werden, als Allererstes besprochen und als Anzeiger für Supremacy erkannt werden. Aus weißem Anspruchsgefühl (entitlement) und gleichzeitigem Lernen über die soziokulturellen Gründe für eben dieses Anspruchsgefühl erwächst eine vorübergehende Dissonanz, die regelmäßig Änderungsprozesse anzeigt, und die nunmehr als Antrieb genutzt werden muss für ein Handeln im Sinne gleicher Zugänge, eines umfassenderen Verständnis der realen Manifestierungen geisteswissenschaftlicher Fragekomplexe sowie für Aktionsformen, die es nicht nötig haben, sich dadurch am Leben zu erhalten, dass sie Exklusionstraditionen angestrengt fortbetreiben.

Schwarze Studien sind an Schwarzen Interessenslagen auszurichten und Ausschlüsse afroeuropäischer und afrikanischer Lehrender aus ihren eigenen geisteswissenschaftlichen Fachgebieten als Strukturfehler und Angriff auf historisches Wissen zu erkennen. Wollen wir eine Zukunft von Schwarzen Studien, die sich von Halbwissen, Umdeutungen und territorialer Inbesitznahme abhebt, ist eine Voraussetzung dafür, dass die Vermittlung von Wissen aus Erster Hand die Regel darstellt.

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Hamburg, 2015

Alle Rechte vorbehalten.

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1 Ally (übersetzt: »Allierte«): Bezeichnung für Menschen, die sich in Gleichheitsbestrebungen engagieren während sie selbst in gesellschaftshierarchischer Hinsicht bevorzugt werden. Die Gültigkeit des Begriffs als Selbstbezeichnung ist fragwürdig, da sie zu einer monolithischen Positionierung geeignet ist (somit ungenau sein muss) und sie weder Vielschichtigkeit noch Umfang des Verwobenseins gesellschaftlich übergeordnet positionierter Subjekte in Aktive/Interaktive gleichheitsfördernde Prozesse wiederspiegelt. Zudem kann »Ally« ähnlich wie „antirassistisch“, „feministisch“ usw. als selbstverliehene Auszeichnung dominant positionierter Subjekte eine (gewünschte/behauptete) Herausnahme der eigenen Positioniertheit aus strukturellen Hierarchien implizieren. Vgl: »White Anti-Racism: Living the Legacy«, a conversation with Diane Flinn, Georgette Norman, Sejal Patel and Yvette Robles http://www.tolerance.org/supplement/white-anti-racism-living-legacy

i

Postkolonialität verstehe ich nicht als Behauptung, einen zeitlichen oder gesellschaftlichen Zustand vorzufinden, der koloniale Verhältnisse bereits hinter sich gelassen habe, sondern als gegenwärtigen Prozess, die Folgen kolonialer Aktivitäten zu begreifen, zu verhandeln und zu lehren.

ii So geschehen in Berlin 2013, als ein weißer Tutor für die Einschätzung und Berichtertstattung über die Lehre zweier Gastdozentinnen of Color eingeteilt war (sic!) und sich bei der Bereichsleitung beschwerte, dass während eines Vortrages im Seminar eine Dozentin ihn »angesehen« hätte, während sie über Weißsein und weiße Realitäten als keine allgemeingültige Perspektive lehrte. Die Seminarleiterin wurde darauf hin seitens der Universität dazu angehalten, sich zu rechtfertigen.

iii Vgl. Pressemitteilung des Referent_innenrat Humboldt Universität zu Berlin. »Kritisches Hinterfragen wird an der HU jetzt polizeilich unterbunden«, 11.2.2014 http://www.refrat.de/article/8765.html?1392145136 sowie »Wissen gegen Ignoranz« Februar 2014 – HU Statement zur Intervention vom 10.02.2014 und anderen Vorkommissen (Wissen gegen Ignoranz) via AK Uniwatch http://akuniwatch.wordpress.com/2014/01/31/februar-2014/.

iv Vgl. Present_tense Scholars Network: Black Perspectives and Studies Germany: »Community Statement: ›Black‹ Studies an der Universität Bremen«, Januar 2015, https://blackstudiesgermany.files.wordpress.com/2015/02/communitystatement_blackstudiesbremen_dt_unterz815.pdf (abgerufen am 10.2.2015).

v …und wenn, sind sie ungemütlicher als zum Beispiel Amerikaner_innen, die jederzeit zugeben, dass dies hier nicht ihr Land ist, und die aus Mangel an kulturellen Codekenntnissen deutsche Liberalitätsperformances nicht sofort durchschauen.

vi Gleichstellungsbeauftragte an Hochschulen und Universitäten präsentieren ihr Verständnis ihrer Aufgabe(n). Siehe beispielsweise: »Die Gleichstellungsbeauftragte engagiert sich im Zusammenspiel vieler AkteurInnen für eine geschlechtergerechte Hochschulentwicklung an der Universität des Saarlandes.(…). Alle Maßnahmen zielen auf eine Erhöhung der Förderung zur Gleichstellung von Fauen und Männern an der Universität des Saarlandes.« http://www.uni-saarland.de/fileadmin/user_upload/Campus/Service/Dienstleistungen_Verwaltung/Bekannt
machungen/Dienstblaetter/DB13_12_S.67-86.pdf (abgerufen am 10.11.2014). Http://www.uni-bielefeld.de/gleichstellungsbeauftragte/ (abgerufen am 10.11.2014): »Dabei geht es nicht nur um Personalpolitik, sondern auch um weiterführende Maßnahmen(…), die dazu beitragen sollen, die Strukturen so zu verändern, dass alle, Frauen und Männer, an der Universität Bielefeld entsprechend ihren Vorstellungen lernen und arbeiten können.«

vii Vgl. Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Dossier Rassismus & Diskriminierung in Deutschland, 2010: »Bildungsbenachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund durch soziale und ethnische Segregation und institutionelle Diskriminierung« von Christine Baur, S. 32 ff. https://heimatkunde.boell.de/sites/default/files/dossier_rassismus_und_diskriminierung.pdf ; ebenso: »Institutionelle Diskriminierung im Bildungs- und Erziehungssystem: Theorie, Forschungsergebnisse und Handlungsperspektiven« von Mechthild Gomolla (2008) http://heimatkunde.boell.de/2008/02/18/institutionelle-diskriminierung-im-bildungs-und-erziehungssystem-theorie ; des Weiteren: »Deutsches Schulsystem benachteiligt Migranten mehrfach«, MIGAZIN, 16. Mai 2011 über eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung http://www.migazin.de/2011/05/16/deutsches-schulsystem-benachteiligt-migranten-mehrfach/ sowie »Ein Entwicklungsland in der Antidiskriminierungspolitik«, über den fünften ECRI Bericht des Europarates, MIGAZIN, 26. Februar 2014 und »Mädchen mit Migrationshintergrund sind mehrfach benachteiligt« über die Forschungsreihe Girls’Day, MIGAZIN, 14. November 2013 http://www.migazin.de/2013/11/14/ausbildung-maedchen-mit-migrationshintergrund-sind-mehrfach-benachteiligt/

viii Vgl. http://www.hfbk-hamburg.de/de/service/presse/presseinformationen/pressemitteilung/?tx_ttnews%5BpS%5D=1345200563&tx_ttnews%5Btt_news%5D=6305&tx_ttnews%5BbackPid%5D=56&cHash=419a7640ac4dd61eceb6dbfa70625f50 (abgerufen am 10.11.2014). – Aus der Ankündigung zu einer »Black Box« betitelten Tagung der HfBK Hamburg: »Die ›Lampedusa‹-Flüchtlingssituation wirft viele Fragen auf: Inwiefern ist sie als Wiederkehr historischer und aktueller Verflechtungen Hamburgs / Deutschlands / Europas mit dem ›dunklen‹ Kontinent zu verstehen? Was sagen Experten aus historischer, juristischer, film- und kulturwissenschaftlicher Perspektive dazu?«Die ›Experten‹ sind: Acht Personen, sieben davon weiß, darunter fünf qualifiziert allein durch künstlerisches Interesse, vgl. Suchfunktion nach »dunklen« und »black box« in: http://www.hfbk-hamburg.de/fileadmin/user_upload/newsletter/archiv/2014/lerchenfeld_HFBK_nr22.pdf (abgerufen am 10.11.2014).

ix Vgl. W. E. B. Du Bois: The Souls of Black Folk. New York u.a. 1994. – Meine Auffassung von ›double consciousness‹, dem ›doppelten Bewusstsein‹ ist die, dass jene nicht nur den (aus Überlebensnotwendigkeit auferlegten) Vorgang des sich selbst durch-die-›Augen‹-der-Anderen-Mit›sehens‹ bedeutet, sondern dass sie das zusätzlich-sich-selbst-›Sehen‹ aus der eigenen Perspektive heraus beinhaltet. Anstatt einer verzerrten oder veränderten Wahrnehmung verstehe ich double consciousness als eine zusätzliche Wahrnehmung und somit als Ressource. Intersektionelle Erfahrungen und vielfachkulturelle Leben führen zu triple, quadruple, quintuple consciousness usw., also zu multiplizierten und potenzierten Zugängen, zu augmentierten Betrachtungs- und Gesellschaftsverständnissen.

x Vgl. beispielhaft: »The Futures of Black Studies – Historicity, Objectives and Methodologies, Ethics«, Konferenz in Bremen, 24–26 April 2014, organisiert von Sabine Broeck, Carsten Junker und Marie Löffler http://www.bbs.uni-bremen.de/?page_id=268 (abgerufen am 10.11.2014).